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Vorarlberg als wirtschaftlich prosperierende Region mit begrenzten Flächen zur weiteren räumlichen Entwicklung benötigt ganzheitlich gedachte und vorausschauende Lösungsansätze.

Aktuell verbrauchen die Menschen pro Jahr die Rohstoffe von zwei Planeten. Das ist nicht nachhaltig. Wir Menschen leben über unseren Verhältnissen und vor allem auf Kosten unserer Kinder- und Enkelgenerationen.

Die Wende zur nachhaltigen Entwicklung wird mit rein technischen Maßnahmen nicht machbar sein. Es braucht neue Lebensformen, eine neue Werte- und Genusskultur jenseits des Massenverkehrs und Massenkonsums. Ein großer Teil unseres Ressourcenverbrauchs trägt nicht zu erhöhtem Genuss oder Komfort bei, sondern ist nur eine Folge von aufwändigen Parallelnutzungen sowie mangelnder Bündelung von individuellem Verbrauch (struktureller Individualismus; nicht zu verwechseln mit erwünschter Individualität und geschützter Privatsphäre). Wir müssen den Anspruch und Mut haben, anders und zugleich besser zu leben. Denn was droht, ist keine Strom-, sondern eine Visions- und Mutlücke.

 

Demografische Entwicklung

Die demografische Entwicklung in Vorarlberg zeigt einige nachdenklich machende Zahlen auf. Vorarlberg war und ist eines der am stärksten wachsenden Bundesländer Österreichs. Seit 1951 ist die Bevölkerungszahl von 193.657 auf 388.752 Personen im Jahr 2017 gestiegen, was einer Verdoppelung gleichkommt. Allerdings sank die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau seit den 1970er Jahren deutlich (von 3 auf 1,5 Kinder). Dadurch wird unsere Bevölkerung, trotz Wachstum, im Durchschnitt immer älter. Verstärkt wird dieser Prozess in den kommenden 20 Jahren durch die Alterung der geburtenstarken 1960er-Jahrgänge. So steigt die Anzahl der über 65-jährigen von heute (2017) 65.768 auf rund 103.000 Personen im Jahr 2030. Das entspricht einer Zunahme von 57 %. Die Anzahl der hochbetagten (über 85 Jahre) steigt sogar um mehr als 300 % von aktuell 8.388 auf knapp 28.000 Personen (Statistik Austria, eigene Berechnungen).

Dies wird deutliche Auswirkungen auf unsere Lebensweise und unsere Siedlungsstrukturen mit sich bringen, denn aufgrund der Alterung wird auch der Anteil der Ein- und Zwei-Personenhaushalte weiter steigen, vor allem in Einfamilienhäusern. Der Einfamilienhausbau der letzten 60 Jahre ist nicht bzw. nur bedingt auf flexible Nutzungen und kluge Trennmöglichkeiten ausgelegt. Ebenso kommt es kaum zu Umzügen der älteren Bevölkerung aus dem Einfamilienhaus in kleinere, praktischere Wohneinheiten. Das alles bedeutet einen großen Druck auf den Wohnungsmarkt und auf die nicht erneuerbare Ressource „Boden“. Zusätzlich wird der steigenden Anzahl an älteren und pflegebedürftigen Menschen eine abnehmende Anzahl an Erwerbstätigen gegenüberstehen. Die Konkurrenz um Arbeitskräfte wird die Situation in den Pflegeberufen nochmals verschärfen.

Pluralisierung der soziokulturellen Milieus & Lebensstile

Unsere Bevölkerung wird nicht nur älter, sondern auch immer bunter. Dies trifft einerseits auf die ethnische Zusammensetzung zu, denn „die neuere Zuwanderungsgeschichte Vorarlbergs ist vor allem durch die Gastarbeiterzuwanderung im Zuge des industriellen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt worden. Im Rheintal und den Seitentälern gab es schon Mitte der 1950er Jahre nur mehr geringe Arbeitskräftereserven. In der Folge wurden bereits ab 1955 Steirer/Steirerinnen und Kärntner/Kärntnerinnen aus vorwiegend ländlichen Gebieten, in denen es überschüssige Arbeitskräfte gab, angeworben. Die ausländische Gastarbeiterzuwanderung erfolgte dann ab den 1960er Jahren" (BURTSCHER 2009: S.41).

Andererseits werden aber auch die Vorstellungen der Lebensführung und die Lebensstile immer bunter und damit auch die Vorstellungen vom idealen Wohnformat. Dies spiegelt sich zum einen in vielfältigen architektonischen Stilen wider, aber auch in den Haushalten und Familien, die in diesen Gebäuden leben. Patchwork-Familien, Alleinerzieher_Innen und Single-Haushalte prägen mittlerweile unsere Städte und Dörfern, auch in ländlichen Regionen. Dies geht mit einer sehr hohen Wohnungs-Mobilität der Bevölkerung einher. So können in Vorarlberg mit seinen 380.000 Einwohner_Innen jährlich etwa 35.000 bis 40.000 Umzüge verzeichnet werden. Diese immer bunter und mobiler werdende Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Biografien bedarf daher dringend flexibleren Wohnformaten, die auf unterschiedliche persönliche Situationen reagieren können.

Singularisierung

Obwohl die Bevölkerung - und damit auch die Zahl der Haushalte - wächst, wird der durchschnittlich Haushalt immer kleiner, zumindest was die Anzahl der dort lebenden Personen betrifft. So lag die durchschnittliche Haushaltsgröße in Vorarlberg im Jahr 1985 noch bei 3,1 Personen, heute im Jahr 2017 nur noch bei 2,34 Personen. Der Anteil der Einpersonenhaushalte liegt bei 33 %. Sogar in ländlich geprägten Gemeinden leben mittlerweile in der Hälfte aller Haushalte nur eine oder zwei Personen. Diese Entwicklung ist also nicht nur auf junge urbane Menschen beschränkt, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das alle Altersklassen betrifft.

Aufgrund der demografischen Entwicklung wird die Zahl der Ein- und Zwei-Personen-Haushalte gerade in der stark wachsenden Gruppe der über-65-jährigen am stärksten zunehmen. Damit in Zusammenhang steht auch eine weitere Unternutzung des Gebäudebestandes, eine Ausdünnung gewachsener Siedlungsstrukturen und weiterer verstärkter Druck auf den Wohnungsmarkt um preiswerte Wohnungen zu schaffen.

Mit der steigenden Anzahl an kleinen Haushalten steigt aber auch das individuelle Risiko. Denn es müssen hohe Wohnkosten gestemmt werden und ein plötzlicher Job-Verlust, eine unvorhergesehene Krankheit oder eine Scheidung kann mit dem Verlust der Wohnung zusammenhängen. Gerade im Alter bedeutet alleine zu wohnen aber auch ein erhöhtes Risiko Einsam zu sein und die täglichen Erledigungen selbst meistern zu müssen.

Potenzial für gemeinschaftliches Wohnen 

  • Der demografische Wandel & der Wandel der Lebensstile schafft ein großes Potenzial für gemeinschaftliche   Wohnprojekte;

  • Gemeinschaftliche Wohnformen können besser auf  demografische Entwicklungen reagieren

  • Alternsgerechte Wohnkonzepte & Mehrgenerationen Wohnen entsprechen dem Bedarf an Leistbarkeit, Sicherheit & sozialem Miteinander;

  • Leistbare Angebote, die die Organisation des privaten Haushalts erleichtern oder die Pflege von Kontakten & Netzwerken unterstützen, werden zunehmend nachgefragt

Handlungsprinzipien und Planungsparameter

Damit trotz Strukturwandel und demographischer Entwicklung die Lebensqualität in unseren Kommunen und Siedlungen erhalten und verbessert wird, müssen wir vorausschauend denken und handeln. Es muss allen Verantwortlichen und Entscheidungsträgern in Vorarlberg klar sein, was räumliche Strukturen, städtebauliche Entwicklungen, Umwidmungen oder Neubauten im Kontext begrenzter Flächen für die Nachbarschaft, das Quartier und die Gemeinde/Stadt genau bedeuten. Der Fokus der Betrachtung ist dabei nicht auf das einzelne Gebäude, sondern auf die Ebene der Nachbarschaften und Quartiere -  auch gemeindeübergreifend - zu richten. Bauen und Wohnen sind im Kontext einer nachhaltigen Lebensraumgestaltung zu betrachten und umzusetzen. Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung und voranschreitenden Urbanisierung bedarf es in Vorarlberg und insbesondere im Rheintal einer übergeordneten Gesamtraumbetrachtung, die Leitplanke und Taktgeber kommunaler und standortbezogener Entwicklungen ist. Bottom-up-Prozesse, die die Zivilgesellschaft als Initiator und Träger einbindet, sind zu ermöglichen und zu fördern.  Auf der anderen Seite sind die Bedürfnisse und Ängste der Bevölkerung und der Interessensvertreter wahrzunehmen und Rahmenbedingungen zur gesellschaftlichen Reflexion zu gewährleisten. Tragbare zukunftsfähige Lösungen sind in einem partizipativen Prozess zu entwickeln und die Weichenstellung für konkrete Umsetzungen gemeinschaftlich zu treffen.

Dichte (Urbanität) als Qualitätsmerkmal der zukunftsfähigen Lebensraumgestaltung

Verdichtung ist ein vielfach verwendeter Begriff. Doch meist wird darunter nur verstanden, dass mehr Menschen auf weniger Fläche zusammengepfercht werden. Echte Verdichtung ist jedoch nur möglich und erträglich, wenn auch die sozialen Beziehungen und Dienstleistungen mit einbezogen werden. Mit Menschen, mit denen man nichts zu tun hat, möchte man nicht «verdichtet» werden. Wohnen, Unterhaltung, Naherholung, Dienstleistungen und zu einem gewissen Grad auch die Produktion müssten örtlich zusammengeführt und konzentriert werden. Mobilität kann nicht mehr das System, sondern nur noch die Ausnahme sein. Sie muss gezielt dort ermöglicht werden, wo es nicht anders geht, oder wo spezifische Effizienzgewinne entstehen. Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Essen, Unterhaltung müssen in einem größeren Umfang als heute (aber natürlich nicht zwingend vollständig) in sozial spannende Nachbarschaften mit gemeinschaftlich nutzbaren und attraktiven Außenräumen re-integriert werden. Die optimale Verdichtung findet jedoch nicht in Hochhäusern statt; diese sind in kommunikativen und sozialpsychologischen Aspekten äußerst begrenzt und erst noch viel zu teuer in Bau und Unterhalt. Sie bieten kein Potential für vielfältige Nutzungen, generieren keinen verkehrsarmen Außenraum und benötigen ödes Abstandsgrün in ihrer Umgebung. Viel effektiver sind kompakte Nachbarschaften mit mehreren 4-6 geschossigen Gebäuden, die im Idealfall im Sockel verbunden sind. Verstreute Funktionen, deren Kombination viel Energie verbraucht, werden so zu multifunktionalen Einheiten gebündelt.  So können schmerzlos Einsparungen an Ressourcen durch Synergien erreicht werden. Die Wege verkürzen sich, Infrastruktur kann an Ort und Stelle mehrfach benutzt werden, Dienstleistungen können gegenseitig erbracht werden, lokaler Reichtum erspart einem das Suchen nach dem ewigen besseren «Anderswo». Diese Reintegration ist nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern auch eine soziale und kulturelle Bereicherung.

Eines der Ziele muss sein den aktuellen Trend hin zu mehr Wohnfläche pro Person (aktuell 43m² pro Person) zu bremsen. Das ist möglich, wenn etwa Gäste- oder Hobbyräume, aber auch gewisse Lager-, Küchen- und Wohnzimmerfunktionen in  gemeinschaftlich genutzte und professionell betreute Räumlichkeiten ausgelagert werden. Wenn jede Einzelperson einer Nachbarschaft auf zwei Quadratmeter Privatwohnraum verzichtet, stehen 1.000 Quadratmeter für viele nützliche, arbeitssparende und gemeinsame Aktivitäten und Funktionen zur Verfügung. 33% der Haushalte in Vorarlberg sind Einpersonenhaushalte mit einer erwarteten Verdoppelung bis 2050. Viele dieser Einzelpersonen (oft ältere Menschen) leben in Einfamilienhäusern oder 3- bis 4-Zimmerwohnungen. Wenn es gelingt, diesen Personen attraktive 1- und 2- Zimmerwohnungen anzubieten, die durch eine erweiterte Infrastruktur eine höhere Lebensqualität erreichen, dann kann allein durch Umziehen und Zusammenrücken eine ökologisch effiziente, kostengünstige Verdichtung ohne zusätzliches Bauen verwirklicht werden. Ein Mensch braucht nicht 50 Quadratmeter um glücklich zu sein. Gemeinden, private als auch soziale Bauträger und in Zukunft auch Genossenschaften müssen dieses selbstverständlich freiwillige Zusammenrücken durch ihren Einfluss auf Neubauten (indem sie mehr kleine Wohnungen mit gemeinsamen Nutzungen errichten) fördern.